Gastbeitrag von Sandybeach85

Vorwort:
Heute geht es um eine Angelegenheit, die mir sehr am Herzen liegt. Die ersten Wochen mit einem Baby sind in den Vorstellungen der werdenden Eltern oft eine romantische und kuschelige Angelegenheit. Leider stimmt die Realität häufig nicht mit diesen Erwartungen überein. Bei uns war es hart, wirklich hart. Ohne den Mitbewohner an meiner Seite wär ich bestimmt wahnsinnig geworden.

Aber wir hatten Glück, es besserte sich schnell und bald war alles schön. Das ist aber nicht immer so. Es gibt viele Babys, die sehr viel länger brauchen, um auf dieser Welt anzukommen. Anspruchsvolle, hilflose kleine Wesen, die so viel weinen, dass die Eltern oft keinen Rat mehr wissen und am Ende ihrer Kräfte angelangen. Zu diesem Thema, hat meine wirklich gute Freundin Sandi ein paar Gedanken zusammengefasst:

Supermoms und Schreikindern – oder: Wie ich Furchen um unseren Esstisch lief

Zuerst einmal will ich in diesem Text niemanden persönlich angreifen, provozieren oder gar an den Pranger stellen, denn allen voran bin ich selbst eine erstrebte ‚Supermom‘ zweier Schreikinder. Auch wenn ich vielleicht manche Probleme erkenne und deren Wurzel, so gelingt es mir doch nicht diese wirklich anzupacken und zu beseitigen. Ich will also vielmehr zum Denken anregen und vielleicht ein bis zwei müde Augen öffnen für neue Erkenntnisse! In erster Linie will ich aber meine Geschichte erzählen und damit Mut machen, Zuspruch geben und zeigen, dass die erste Zeit mit einem Baby nicht immer nur kuschelig und schön ist. Und dass man das auch genau so empfinden darf.

Heutzutage wissen wir so viel- über das Schwangersein, über die Geburt, über das Stillen, das erste Babyjahr, die Beikost, die Kleinkindererziehung. Noch vor 50 Jahren hatte niemand von Symphysenlockerung, Hypnobirthing, Stillproben, Baby Led Weaning, Attachment Parenting und Co-Sleeping gehört. Und soweit müssen wir eigentlich gar nicht zurückgehen. Auch erst vor 30 Jahren, die Generation unserer Mütter, hatten beispielsweise noch die wenigsten Ahnung von postnatalem Beckenbodentraining und Rückbildungskurse, die heute selbstverständlich sind, gab es nur vereinzelt.  Wir wissen heute alles, haben jederzeit Zugriff auf Unmengen von aufgeschriebenem Wissen. Selbst um zwei Uhr nachts, wenn der Nachwuchs nicht schlafen kann, die Brust ablehnt und nur schreit, kann Dr. Google schnell zu Rate gezogen werden. Das Elternsein ist zu einer Wissenschaft geworden, einer Wissenschaft die mit jeder Menge theoretischen Konzepten protzt. Wir wissen alles und doch nichts!

Denn was den meisten von uns fehlt, sind Erfahrungswerte. Ehrliche, lang bewährte Erfahrungen, Tipps und Hilfestellungen. Damit meine ich nicht die unzähligen Mama-Forum Berichte, bei denen 20 User die eine Meinung vertreten bzw. von Ähnlichem berichten, während 23 andere genau das Gegenteil behaupten, erlebt zu haben. Ich meine das Wissen von Mama-Generationen der eigenen Familie, ehrliche, herzensnahe Geschichten aus und mit denen man lernt. Vor allem lernt, auf sich selbst und seine Intuition zu vertrauen, und nicht auf den Beitrag einer unbekannten Internetpersönlichkeit.

Ich bin Kinderkrankenschwester und als ich zum ersten Mal schwanger wurde, dachte ich, dass ich weiß, was auf mich zukommt. Ich hatte Schwangere betreut, ich hatte Babys, Neugeborene so wie Frühchen gepflegt, ich war im OP bei Kaiserschnitten dabei. Ich dachte, klar, wenn das eine kann, dann ich. Weit gefehlt. In einer Familie, die zwar groß und in einigen Ecken auch kinderreich ist, war ich in meiner Generation die erste und bin es noch. Alle waren begeistert, freuten sich. Ich bekam auch den einen oder anderen Tipp, aber die kamen spärlich und aus Richtungen, aus denen ich sie nicht haben wollte. Meine Mutter selbst meinte sie könne sich an die Schwangerschaft nur dahingehend erinnern, dass sie es genossen hatte und es wunderschön war. Mehr Details kamen kaum ans Licht, da diese irgendwo im Laufe der Zeit auf der Strecke geblieben waren. Da meine Mutter noch dazu zwei Kaiserschnitte hatte und mich und meine Schwestern nur kurz gestillt hatte, war mir klar, ich müsse irgendwie an mehr Fach- bzw. „Mitten-aus-dem-Leben-Wissen“ kommen. Also entdeckte ich die oben genannten Mutti-Foren im Internet für mich und konnte dort nach Herzenslust meine Fragen stellen und mir die unterschiedlichen Antworten ansehen. Ich genoss das eine Zeitlang. Hatte ja auch nichts zu tun in dieser Zeit. Aber so konnte ich mich dann auch ganz schnell durch Kommentare verwirren und verunsichern lassen und verlor den Kontakt zu meinem eigenen Mama-Instinkt immer mehr.

Ich fand also meinen Weg durch den Mutti Dschungel und als meine Tochter das Licht der Welt erblickte, das Stillen klappte und alles gesund schien an ihr und mir, war alles gut.

Bis der Kampf begann.

Schon in der ersten Nacht im Krankenhaus schrie Lily so laut und ausdauernd, trotz sofortiger Bedürfnisbefriedigung. Oder besser gesagt, dem Angebot dessen, welches sie aber nur weiter schreiend ablehnte. Die Schwestern sagten, sie wäre noch nicht ganz angekommen und bräuchte Nähe. Ich war mehr als bereit, ihr diese Nähe zu geben, hätte sie am liebsten wieder in den Bauch gepackt, aber nichts wollte helfen. Da ich in einem 3-Bett-Zimmer lag und eine komplizierte 30-h-Geburt hinter mir hatte, meinte die Schwester irgendwann, dass sie Lily für ein Stündchen bis zum nächsten Mal Stillen mit nach Draußen nähme. Fertig wie ich war, willigte ich ein, bzw. lehnte nicht ab, denn zum Argumentieren fehlte mir jegliche Kraft. Ich fiel umgehend in einen komaartigen Schlaf, wachte keine Stunde später auf und sah mein Kind nicht. Ich drückte die Klingel und sie wurde mir gebracht…schlafend. Ich fühlte mich so schlecht beim Anblick meines schlafenden Kindes. Nicht ich war es, die es in den Schlaf gewiegt und getröstet hatte, sondern eine Fremde und das noch mit Erfolg. Schuldgefühle kamen auf… Ich hatte meine neugeborene Tochter weggegeben. Einfach so.

Dieses Schema scheint ein immer wiederkehrendes Beziehungsmuster von mir und meiner Tochter zu sein. Ganz persönlich. Und doch, wie ich finde und erlebe, übertragbar auf viele andere Mama-Kind Beziehungen. Wir haben alle ein Beziehungsmuster mit unseren Kindern. Ein immer widerkehrendes ganz individuelles Thema, das wir nicht immer sofort als dieses identifizieren, aber oft liegen dort die Wurzeln für viele Konflikte und Probleme.

Meine Tochter brauchte noch lange, um auf dieser Welt anzukommen. Schnell geisterte der Begriff „Schreikind“ in meinem Kopf, bald darauf sprach es meine Hebamme aus und nach vier Monaten ohne den berüchtigten Babyschlaf, ausgiebiges Kuscheln und mit häufigem unstillbaren Geschrei, bestätigte es auch die Dame von der Schreiambulanz. Von dieser Seite bekam ich Verständnis, Zuspruch, die Damen kannten sich aus. Von anderen Seiten, wie manchen Bekannten, anderen Muttis oder auch Teilen der Familie bekam ich zu hören: „Babys schreien nun mal!“ Als wäre ich selbst schuld, als hätte ich mich auf meinen neuen ‚Muddi Posten‘ nicht richtig vorbereitet. „Babys gibt es eben nicht mit „Laut-und-Leise-Regler“.“ „So ein Kind hat eben mal Bauchweh und Hunger und muss das dann verkünden.“ Ich weiß nicht was diese Leute dabei dachten?! Vielleicht, dass ich antworten würde: „Ehrlich? Oh Mann, das war mir neu. Mensch, ich glaube, ich gebe Lily wieder zurück. Ist mir zu anstrengend, das Mama-Sein. Werde doch lieber Prinzessin.“ Witzig war es teilweise schon fast, wie die Umwelt reagierte, wenn Lily dann in eine Schreiattacke verfiel. Danach verstummten die meisten dummen Sprüche. Jeder hörte und sah, dass es sich hier nicht um einen Wachstumsschub, einen Zahn oder Bauchweh handelte. Man hörte, sah und konnte die Verzweiflung von Lily und mir fast schon spüren.

Ich gebe es zu – ich war überfordert. Ich war überfordert damit, dass ein so kleines Baby nicht schlafen konnte und wollte. Ich war überfordert damit, dass all meine Liebe nicht ausreichte, mein Kind zu beruhigen. Ich war überfordert, dass ein so kleines Kind sich gegen Körperkontakt und Kuscheln wehren kann, weil es zu durcheinander und überfordert war mit dieser Welt, dass es keine ruhige Minute hatte. Ich war überfordert.

Mein Mann, der pendelt und von frühmorgens bis spätabends unterwegs ist, bekam nur an den Wochenenden mit, welche Probleme und Unwegsamkeiten ich zu meistern hatte. Er unterstütze mich, so gut es ging. Aber auch seine Akkus waren nach einer harten Arbeitswoche leer und es war schwer, sich in unseren, über die Woche erarbeiteten Rhythmus,mit all seinen festen und verzweifelt durchgeführten Ritualen, einzufinden.

Im Prinzip waren es immer Lily und ich. Lily und ich morgens, Lily und ich mittags, abends und die ganze Nacht. Genau das hatte ich ja gewollt. Wenn sie denn schon mal friedlich einschlief, dann sollte das auch bei mir passieren.

Im ersten Jahr kann ich die Momente, in denen ich Lily auch nur kurz aus der Hand gab, an einer, vielleicht auch zwei Händen abzählen. Hinzukommt, dass auch die Angebote dazu, nicht allzu häufig kamen. Die meisten Mamas in meinem Alter haben doch selbst Mütter bzw. Omas, die noch Vollzeit arbeiten. Da bleibt keine Zeit für Enkelsitting. Auch nicht selten wohnt die eigene Mutter weit weg, hat selbst ein erfülltes und aktives Leben mit Hobbies und Freunden. Das, bitte nicht falsch verstehen, ist auch gut so und soll so sein, macht aber dennoch die Mutterrolle in der heutigen Zeit um einiges schwieriger und zermürbender, als in den Generationen, in denen mehrere Frauen unterschiedlichsten Alters unter einem Dach lebten, sich die Kindererziehung und Betreuung teilten und somit nicht alle Last auf einem einzelnen Paar Schultern lag!

In dem ersten Jahr mit Lily fühlte ich mich oft allein. Ich habe Freundinnen, die zur gleichen Zeit ihr erstes Kind bekamen, aber das verunsicherte mich noch mehr. Denn ihre Kinder schliefen, kuschelten und stillten sich ruhig, wenn sie mal weinten. Sie waren durch und durch die Babys, die ich so erwartet hätte. Ich igelte mich ein, scheute mich vor Gruppen und Treffen, aus Angst dort bei einer Schreiattacke von Lily dumm dazustehen. Dadurch spitzte sich aber die Situation noch mehr zu. Wie mir die Hebamme meines späteren Sohnes erzählen sollte: gestresste Mama=gestresstes Kind. Klingt logisch. Aber jeder von uns weiß, dass es keinen Knopf gibt, um Stress auszuschalten. Ich war gestresst, allein, ohne Hilfe und ohne den klaren Verstand, Hilfe anzunehmen und das übertrug sich mehr und mehr auf mein Kind.

Wie ich nach und nach erfuhr, gibt es nicht wenige Eltern mit Schreikindern oder wie es Fachleute heute gerne ausdrücken „Kindern mit Regulationsstörung“. Ich schrieb mit einigen über das Internet. Durchweg alle beschrieben sich als hilflos und berichteten vor allem vom Gefühl, unfähig zu sein. Unfähig sein eigenes Kind zu beruhigen. Was wiederum ein extremes Bedürfnis nach diesem Erfolgserlebnis nach sich zieht und somit ein Aus-der-Hand-Geben des Kindes eher verhindert. Ein absoluter Teufelskreis. Man fühlt sich selbst als Experte für sein Kind. Klar man hat es ja monatelang genauer studiert als manch Jura-Student das BGB. Aber wenn man es dann doch mal versucht und eine völlig entspannte, unvoreingenommene, nicht vorher instruierte Person das Kind nimmt, wird man meist erleben, dass dieser Mensch vielleicht mehr Kapazitäten frei hat und seine Ruhe auf das Kind übertragen kann. Das ist auch auf jede Mama und jeden Papa umsetzbar. Schreikind hin oder her. Auch ausgeglichenere Babys haben schwierige Tage, schwierige Phasen und somit auch gestresste und bis zum Anschlag belastete Eltern, denen es genauso gehen kann. Nur ist die Dauer und Intensität dieser Phasen meist nicht vergleichbar mit denen von Kindern mit einer Regulationsstörung.

Was ich im Grunde genommen sagen will, ist nicht, dass ein Schreikind erst von der Mutter zu einem solchen gemacht wird, aber dass es die Situation definitiv verschärft und man schnell in einen Teufelskreis gerät. Wenn die Mutter immer verzweifelter, ausgelaugter und dünnhäutiger wird, so wird es das Kind auch. All der Druck, von außen wie von innen, erzeugt ein solches Spannungsfeld, das jegliche natürliche Mama-Instinkte und das Unbeschwerte am Mama-Sein verloren gehen.

Auch früher, zu Zeiten, in denen es meist diesen familiären Halt durch Frauen verschiedenster Generationen im Haus gab, gab es laute, schwierige, unruhige Kinder. Aber ich bin mir sicher, dass es damals in den meisten Fällen nicht als so belastend und so ausufernd erschöpfend, empfunden wurde, da Entlastung greifbar und auch völlig normal war

Noch dazu sieht sich eine Mutter heute nicht nur tausenden von Tipps und einem geballten Expertenwissen gegenüber, sondern auch hohen Ansprüchen, die die Gesellschaft an sie stellt. Eine Mutter hat für ihr Kind da zu sein, soll es nicht überbetüddeln, sie soll stillen, aber bitte rechtzeitig den Absprung schaffen, sonst stillt man das Kind ja noch bei der Einschulung. Sie soll kurz nach der Geburt wieder körperlich top in Schuss sein und auf sich achten, aber bitte nicht zu Lasten des Kindes. Sie soll eine verständnisvolle und liebevolle Ehefrau sein und weiterhin ihren Interessen nachgehen, aber bitte nicht das Kind/ die Kinder dafür abschieben. Sie soll beruflich wieder voll durchstarten, aber wie schon erwähnt, weiterhin immer für ihre Kinder da sein. Wozu ist sie denn sonst
Mutter geworden?

All diese Ansprüche und Widersprüche tragen zu diesem permanenten Anspannungszustand bei. Dauernd fühlt man sich getrieben und angetrieben, die bestmögliche Mutter und Frau zu sein und versagt dabei auf ganzer Linie, ja, kann nicht mal sein eigenes Kind beruhigen. Geschweige denn all diese Widersprüchlichkeiten erfüllen.

Fragt euch mal selbst! Wenn ihr traurig, verängstigt, verunsichert seid und jemanden braucht, der euch beruhigt. Gelingt das dann jemandem, der selbst innerlich nicht zur Ruhe kommt und womöglich unglücklich, verzweifelt und müde ist?! Der selbst seit Tagen, Wochen oder Monaten kaum geschlafen hat, nicht einmal auf dem Klo eine Minute Ruhe hat, der permanent unter Strom steht?! Ich glaube kaum.

Bei meiner Tochter wurde es mit dem Schreien und dem Kampf um den Schlaf in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres langsam besser. Dennoch trauerte ich ein wenig, um diese schöne, unbeschwerte Neugeborenenzeit, die angeblich so voller Kuscheln und Ruhe und Nähe sein soll. Die uns aber kaum bis gar nicht gegeben war. Ich dachte damals: beim zweiten Kind wird es anders, es wird besser, niemand bekommt zwei Schreikindern und wenn doch, weiß ich viel mehr als zu Beginn mit Lily.

Lily wuchs also heran und blieb ein sensibles, unruhiges, lautes Kind. Ich bin mir auch sicher, das wird immer Teil ihres Charakters sein. Und das ist auch gut und schön so, denn sensibel zu sein, hat ja auch sein Gutes.

Ich wurde wieder schwanger und zwei Monate vor Lilys zweitem Geburtstag kam mein Sohn Theo auf die Welt.

Eine Geburt, die nicht anders hätte verlaufen können. Kurz und brutal, um es in zwei Worten zu beschreiben. Aber auch überraschend, zauberhaft, einfach der Wahnsinn. Weil zwei Worte eben doch nicht ausreichen, für ein solches Ereignis. Da war er – mein Sohn. In der ersten Nacht im Krankenhaus freute ich mich über jede Stunde, in der er ruhig war und friedlich bei mir schlief. Kein Ton war zu hören von ihm. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, lauerte ich. Irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich ein Kind haben sollte, das einfach so an der Brust einschläft. Das eingekuschelt in meinem Arm, selig schlafen würde oder das irgendwann mal später zufrieden quiekend unter einem Spielebogen liegen würde. Alles Dinge, die ich andere Babys hatte tun sehen.

Zunächst blieb es ruhig.

Nach nur wenigen Tagen änderte sich das gewaltig. Er schrie durchdringender, lauter und ausdauernder als ich das von Lily kannte, ließ sich durch keine meiner bei Lily erprobten Techniken beruhigen und schlief mit seinen 7 Lebenstagen tagsüber nie länger als 5 Minuten am Stück. Selbst bei andauerndem Schaukeln im Arm nicht. Nachts lief ich mit ihm Runden, wie eine Löwin auf der Pirsch. Ich heulte still vor mich hin mit einem gepuckten, sich windenden Säugling im Wiegegriff und konnte
einfach nicht glauben was da passierte.

Damals hatte ich großes Glück, denn ich hatte die wertvollste Hebamme an meiner Seite, die ich mir hätte aussuchen können. Geballtes Profi- und Mama-Wissen, selbst Mutter von 4 Kindern, 2 davon Schreikindern. Sie wusste, wie sie mich anzupacken hatte. Mit ihr zusammen erarbeitete ich einen Tagesablauf für Theos erste Wochen, an den wir uns peinlich genau hielten. Alles, um der Gefahr zu entgehen, dass er in eine zu große Übermüdung verfiel, aus der ich und er nicht so einfach wieder raus kämen. Das klappte teilweise, aber nicht immer. Denn mit einem Kleinkind im Haus konnte ich nicht immer 100% Rücksicht nehmen. Was aber bezeichnend war, ist dass meine Hebamme, wann immer ich sie um Hilfe rief, kam und Theo sofort ein wenig ruhiger wurde und sie ihn auch oft zum Schlafen brachte. Sie war es, die mir sagte, wie wichtig es sei, dass man selbst Ruhe ausstrahlt und ruhig ist. Und dass ich ihn öfters aus der Hand geben sollte. (Was mir bis heute schwer fällt.)

Mit ihr zusammen habe ich die ersten 4 Monate von Theos Leben gemeistert, ohne dabei nervlich drauf zu gehen. Ich war Tag und Nacht im Dauereinsatz. Aber das kennen ja viele Mamas.

Es gibt viele Säuglinge, die schon mit wenigen Lebenswochen tagsüber kaum noch schlafen, dafür aber gut drauf sind. Bei ihnen scheint das Schlafbedürfnis aus irgendeinem Grund niedriger. Für Mamas auch oft zermürbend, aber immerhin wird nicht pausenlos gebrüllt.

Dann gibt es Babys, die sehr viel weinen und schreien, aber trotzdem, wenn sie in den Schlaf gefunden haben, einige Zeit am Stück erholsam schlummern können.

Und dann gibt es die Kinder mit Regulationsstörung. Eigentlich sehr empfindsame, reizoffene Kinder, die viele Pausen bräuchten, um Eindrücke zu verarbeiten, aber nicht wissen wie sie ihren, auf Hochtouren surrenden Organismus herunterfahren können. Diese Anspannung entlädt sich dann in herzzerreißendem, unstillbarem Weinen bzw. Schreien.

Nach den ersten harten und kräftezehrenden 5 Monaten wurde und wird es auch bei ihm immer einfacher. Ich weiß nicht, sind es die Kinder oder die Eltern, die dann den Bogen raushaben? Oder ist es das immer weniger werdende Schlafbedürfnis, das den Tag einfacher macht? Trotz allem blieben wache Stunden, in denen er gut gelaunt war, zunächst selten. Aber auch das besserte sich, wenn auch sehr langsam. Denn auch er ist und bleibt ein hochsensibles Kind, das immer noch schnell und oft und sehr laut schreit. Auch heute laufe ich noch Runden um unseren Esstisch mit ihm in der Manduca, wie ein Flugzeug auf Landeanflug. Ich weiß, er kommt manchmal nur so zur Ruhe. Das ist völlig in Ordnung, damit kann ich umgehen.

Mir liegt dieses Thema so sehr am Herzen, weil für mich die Neugeborenen-Phase von außen immer etwas so schöneshatte, etwas friedliches, voller Liebe, Ruhe und auch Nähe. Ich hatte mir das in meinen Schwangerschaften immer so herrlich, rosarot erträumt. Meine Realität war beide Male ganz anders und das macht mich immer noch traurig. Ein Teil von mir denkt da nach wie vor, dass ich unfähig und selbst schuld bin. Der andere Teil ist stolz auf das, was ich mit meinen Kids und meiner Familie geschafft habe und auf das starke Band, das uns verbindet.

Ich höre oft von Frauen, denen es ähnlich geht und fühle sofort das Bedürfnis zu helfen. Auch wenn Hilfe hier mehr im Sinne von Austausch und vom Versuch, die Schuldgefühle zu nehmen und die Versagensängste zu entkräften, gemeint ist!

Ich möchte nicht, dass ihr mich falsch versteht. Ich weiß, ich bin gesegnet. Ich habe zwei gesunde Kinder. Uns geht es gut. Wir leben in Sicherheit und Liebe. Es gibt so viel schlimmere Schicksale, ohne Frage. Und trotzdem ist es mir ganz wichtig, dass Mamas sich gerade im ersten Jahr mit Baby nicht allein und ungenügend fühlen, nicht verzweifelt sind. Dieses erste Jahr ist so kostbar und sollte nicht von Selbstzweifeln beherrscht werden.

Ich habe in den gesamten Babymonaten meiner Kinder viel probiert und ausgetestet. Denn bekanntlich ist mit verzweifelten Eltern viel Geld zu machen. Wenn ich Montagfrüh um 7 Uhr irgendwo einen Beitrag gelesen hätte, in dem ein Baby, das viel schrie, durch das Einreiben mit Känguruh-Urin wie ausgewechselt war und plötzlich durchschlief, dann könnt ihr euch denken, wer um spätestens 8 Uhr mit Einmachgläsern unterm Arm im Flugzeug nach Australien gesessen hätte. Ganz ehrlich diese Herumrennerei nach dem Wundermittel schlechthin war auch manchmal ganz gut. Ich hatte wieder Hoffnung, konnte etwas testen, etwas tun.

Hier also meine Top 6 der kleinen Helferlein im Alltag mit unruhigen Babys:

1) Ganz klar die Tragehilfe… Ob Tuch, Manduca, Ergo Carrier, Bondolino … Bei meinen beiden Kindern nicht von Anfang an die große Liebe. Es hat Überredungskunst gebraucht. Beide mochten das Tuch gar nicht, das war ihnen wohl zu nah. Theo lebte quasi im Bondolino und tut es heute noch in der Manduca. Auch wenn er oft darin geschrien hat, hilft es mit festem Gang durch die Wohnung zu tigern, bis man selbst kurz vor dem Umfallen ist! Stehenbleiben war keine Option!

2) Die Baby-Hängematte / Nonomo. Bei Lily ab dem 6. Monat absolute Einschlafhilfe Nr. 1. Das war ihr lieber als die Trage. Bei Theo eher ein kurzes Vergnügen, aber auch bei ihm half sie für geraume Zeit!

3) Der Robopax! Okay… was für ein Teil? Klingt schlimmer, als es ist. Der Robopax ist ein Gerät, das Schaukelbewegungen imitiert. Man stellt den Maxi Cosi darauf oder die Wanne vom Kinderwagen etc. und das Kind wird sanft gerüttelt. Ich hab mich ewig gegen dasDing gesträubt. Aber als mein Mann nach Theos Geburt wieder arbeiten musste und es Zuhause null funktionierte mit Lily und Theo, schafften wir es uns doch an! Theo, der immer nur dann in meinem Arm einschlief, wenn ich tausend Runden um den Esstisch drehte, und Lily, die ja auch ständig irgendwas brauchte, das ging nicht zusammen. Theo mal eben weglegen war nicht möglich, genauso wenig, Lily stundenlang vor dem Fernseher oder iPad zu parken. Der ‚Robocop‘, wie wir ihn liebevoll nannten, hat eine kurze Zeit lang wirklich eine große Erleichterung gebracht. (Auch wenn ich es nie gern zugegeben habe.)

4) Feste Rituale. Bei beiden echt das A und O. Noch heute. Ein fester, geregelter Tagesablauf und meine Kinder sind auch innerlich geordnet. Zumindest meistens. Gerade zu Beginn ist es wichtig. Schlafen-Aufwachen-Trinken-Wickeln-Spielen-Schlafen. Bei Neugeborenen dauert dabei eine Aktivität nie länger als 5 Minuten. So wird dem großen Feind der Übermüdung entgegengewirkt. Denn das ist die große Gefahr. Sind die Kids mal übermüdet, folgt meist auch nach ewiger Einschlafprozedur kein ruhiger, langer Schlaf. Denn das Gehirn ist zu überreizt, um wirklich abzuschalten.

5) ‚Pucken‘- das feste Einwickeln in ein Tuch oder eine Puckhilfe. Uns hat der Swaddle-me gute Dienste geleistet und war bei beiden Nachts bis zum 7/8 Monat nicht wegzudenken. Tagsüber kam er anfangs auch zum Einsatz. Wichtig ist, die Kinder nur zu pucken, wenn sie wirklich müde sind. Wenn sie noch nicht an dem Punkt sind, macht sie das Pucken wild und wahnsinnig und wirkt eher entgegen der Bestimmung.

6) Dunkelheit plus White Noise/Rauschen. Es ist ja keine Neuigkeit, dass Kinder mit Regulationsstörung oftmals wortwörtlich noch nicht richtig angekommen sind auf der Welt. Sie wollen in die warme dunkle Gebärmutter zurück, das Rauschen von Mamas Blut und das Pochen von Mamas Herzen hören. Ich hab bei beiden Kindern gute Erfolge gehabt, wenn ich zum Einschlafen alles stockdunkel machte und auf dem iPod White Noise oder im Sommer einen Ventilator laufen ließ. Mittlerweile beruhigt es mich beim Schlafen selbst ungemein. Gut funktioniert auch ein Zimmerbrunnen, Radiorauschen bzw. tatsächliches „White Noise“.

Das waren unsere Hilfsmittel. Ich weiß aber, dass diese nicht bei jedem wirken. So wie viele Tipps von anderen bei uns kläglich scheiterten. Ich will mit diesem Text lediglich meine Geschichte erzählen, die Gedanken, die ich mir dazu mache, mit euch teilen und selber Anstoß zum Denken geben. Auf dass ihr vielleicht den Grundstein, das Grundthema eurer Probleme selber erkennt und somit einen ganz eigenen, individuellen Lösungsweg einschlagen könnt.

Vielleicht überlegt ihr euch nächstes Mal, wenn ihr gerade mit dem schreienden, sich windenden Kind im Arm durch die Wohnung rennt, wie es euch gerade geht. Blöd gesagt. Sicherlich nicht gut. Aber vielleicht: Bin ich gerade überhaupt in der Lage, Ruhe abzugeben an mein Kind? Wenn nein, ist jemand in der Nähe, der das vielleicht kann?! Wenn nein, wie kann ich für einen Moment Ruhe und Kraft sammeln?! Wie kann ich den Stress-Teufelskreis für den Moment unterbrechen?!

Ich wünsche euch da draußen viel Kraft. Jede Mama hat sie in sich und packt das. Und es gibt und wird so viele wunderschöne Momente mit euren Kindern geben, die euch für all das entschädigen!

2 Comments

  1. Hi Sandy, danke für deinen Beitrag. Wieder einmal ein paar Worte zu hören, die einem Kraft und Hoffnung schenken und einem das Gefühl geben, nicht alleine zu sein. Wir haben nun 5,5 Monate Geschrei. Es von ununterbrochenen 10-11 Schreistunden dank Tragetuch, Dunkelheit, Ruhe, Weißes Rauschen schon besser geworden, aber zufrieden ist sie nur wenige Minuten am Tag. Manchmal frage ich mich ob das alles überhaupt jemals besser sein wird. Bis heute bin ich unendlich traurig die schönste zeit nicht wirklich genießen zu können. Und frage mich ob sie das Urvertrauen in mich verloren hat und wenn ja warum. Ich gebe ihr all meine liebe, all meine zeit, all meine kraft und das von herzen gern. Ich lege so so viel wert auf unsere bindung. Trage ausschließlich im Tragetuch, schläft ausschließlich im Familienbett. Was hab ich nur an mir das sie nicht annehmen kann? Ich träume tagsüber immer davon, wie ich ihr eines Tages an der hand halte und ihr die welt zeige, sie strahlt und alles gut ist. Das ist woran in festhalte.

  2. Hallo Sandy,
    vielen Dank für diesen Beitrag (und Maria, dass sie die Plattform bietet und ich ihn so gefunden habe). Ich erwarte mein erstes Kind und habe bisher immer gedacht "Ein Schreikind-das kann mir nicht passieren!" ich habe beruflich mit Schreikindern zu tun gehabt, lange in Krippe und Kita gearbeitet und irgendwie Erfahrungen vorzuweisen. Und doch kann alles so anders kommen, und ich denke dass es sehr wichtig ist, sich darauf einzustellen, um nicht völlig überrascht zu werden. Ich hoffe sehr -wie natürlich jede Mutti- auf eine schöne Neugeborenenzeit. Auf eine ruhige Zeit des Kennenlernens und das mein Baby ruhig in dieser Welt ankommen kann. Einige deiner Tipps kenne ich und habe sie selbst schon gegeben und angewandt – und durch deinen tollen, emotionalen und gnadenlos ehrlichen Beitrag (ich habe solche Hochachtung davor, dass du so ehrlich deine Erfahrungen mitteilst!) sind sie mir wieder ins Gedächtnis gerufen wurden. Einige meiner "Pläne" überdenke ich nun nochmal, und die meisten Dinge muss man einfach auf sich zukommen lassen. Ich bin froh sowohl eine gute Hebamme, als auch Mutter und Schwester mit viel Erfahrung und Hilfsambitionen an meiner Seite zu wissen (auch wenn sie manchmal ungefragt Tipps abgeben-aber das tun wir sicher alle irgendwann mal).

    Ich danke dir auf jeden Fall, dass ich Mütter von Kindern mit Regulationsstörungen nun noch vorurteilsfreier sehen kann. Denn oft ist es ja so, dass man denkt "Ach-die macht das und das falsch, mir passiert das nicht!" und doch weiß man es einfach nicht -egal wie viel berufliche und studierte Erfahrungen dahinter stehen- besser. Dein Teufelskreisvergleich hat mich sehr an Situationen mit meinem Hund erinnert – der Probleme mit Artgenossen hat und wie schwer es ist, wenn man Angst und schlechte Gefühle hat, diese zu reflektieren oder abzulegen. Emotionen funktionieren nicht mit "Ein/Aus"Schalter. und das ist gut so, denn wir wachsen auch daran.

    Ich danke dir für deine Ehrlichkeit und diese Perspektive und wünsche dir alles Gute!
    Herzlichst, Antonia
    …die trotzdem hofft, von ganzem Herzen hofft, dass eine so rosarote Neugeborenenzeit wie möglich auf sie zukommt. (Hormone, und so).

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