„Ach, das sind doch nur die Milchzähne!“ – Ein Gastbeitrag zum Thema Milchzahnpflege von Zahnärztin Jaqueline Dohmes

Als die liebe Maria mir vor ein paar Tagen vorschlug, einen Beitrag zum Thema „Der erste Zahnarztbesuch“ für ihren Blog zu verfassen, war ich sofort Feuer und Flamme. Als Zahnärztin ist die Kinderzahnheilkunde ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt.

Täglich sehe ich in der Praxis die fatalen Auswirkungen falscher Ernährung und mangelhafter Zahnpflege in Form von ECC (Early Childhood Caries) – oftmals aufgrund fehlender Aufklärung der Eltern durch Kinderarzt und Zahnarzt.

Fangen wir doch von vorne an. Wann sollte der erste Zahnarztbesuch stattfinden?

Ich finde es immer schön, wenn die Mamis zu ihrem eigenen Kontrolltermin auch die Minis mitbringen. Ab ca. 12 Monaten „versuche“ ich dann, ob ich die Kleinen auf charmante Art und Weise davon überzeugen kann, „mal die Zähnchen zählen zu dürfen“. Wenn es klappt – okay, wenn nicht, auch okay. Spielerisch sollte man den Kindern die Angst vor der zahnärztlichen Untersuchung nehmen. Meine persönliche Erfahrung besagt, dass die erste richtige Untersuchung meist mit 24 Monaten klappt! Umso besser, wenn das Kind die Praxisumgebung und den behandelnden Arzt schon kennt. Für Kinder nehme ich mir IMMER viel Zeit, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Man zeigt ihnen den „Schlürfi“ (Sauger), das „Wasserkarussel“ (Speibecken) und lässt sie auf dem Stuhl hoch und runter fahren. Während man einen Erwachsenen ohne Ankündigung im Behandlungsstuhl zurückfahren kann, sollte man einem Kind immer vorher erklären, was als nächstes passiert, damit es keine Angst bekommt und das Vertrauen nicht verliert – ist das Vertrauen nämlich einmal weg, dann bleibt der Mund zu.

Zusätzlich zur Untersuchung des kleinen Patienten sollten die Eltern bezüglich der Ernährungsanamnese und der Zahnpflegemaßnahmen befragt werden.

Schon vor dem Durchbruch der ersten Zähnchen kann man den eigenen Finger z.B. mit etwas Mull umwickeln und die Kieferkämme im Ober- und Unterkiefer sanft massieren. Die Vorteile sind, dass durch die Massage weniger Durchbruchsprobleme entstehen UND dass sich das Kind an die Hand bzw. einen Finger im Mund gewöhnen kann. Der erste Milchzahn bricht mit ca. 6 Monaten durch – in der Regel ist es der 1. Schneidezahn im Unterkiefer. Von jetzt an heißt es 1x täglich Zähne putzen! Und zwar mit einer altersgemäßen fluoridhaltigen Zahnpasta und einer weichen Kinderzahnbürste. Ab dem 1. Geburtstag sollte das Zähneputzen 2x täglich stattfinden und das Kind kann nun versuchen dies eigenständig zu tun – bitte aber immer „nachputzen“.

Wie oft habe ich schon erlebt, dass Mütter mir, auf die Zahnpflege der Kleinen angesprochen, antworteten: „Nein er/sie isst ja noch nichts. Ich stille ja noch.“. Dies ist ein Trugschluss, denn auch in Muttermilch ist Milchzucker enthalten!

Achtet bitte darauf, dass eure Minis nur Wasser oder ungesüßte Tees angeboten bekommen. Es gab schon Eltern, die mir berichteten, dass den Kindern nachts regelrechte Getränkebars im Bett zur Verfügung gestellt werden: „Er/sie sucht sich dann ein Fläschchen aus.“.

Achtet bitte auch darauf, dass die Kinder nicht zum Dauernuckler an der Flasche werden! Gerade wenn sich Zuckerzusätze im Getränk befinden, ist die Auswirkung katastrophal und es kann die sogenannte „nursing bottle caries“ entstehen. Dies ist Karies, die sich vorwiegend an den Oberkiefer-Milchzähnen befindet. In extremer Form meistens an den Oberkiefer-Schneidezähnen, da diese durch das Dauernuckeln permanent süß umspült werden. Warum aber passiert das gleiche nicht mit den Zähnchen im Unterkiefer? Ganz einfach: Die Unterkieferzähne werden permanent vom Speichel umspült, der den PH-Wert neutralisiert, während im Oberkiefer ein stetiger Säureangriff stattfindet.

In der Theorie ist es sicher leichter gesagt als in der Praxis getan, aber die Entwöhnung von Nuckelflaschen sollte ab ca. 12 Monaten stattfinden. Stattdessen bitte Becher und/oder Schnabeltassen anbieten. Auch die Gabe von kleinen Portionen Obst, mehrfach über den Tag verteilt bedeutet aufgrund von Fruchtzucker ein erhöhtes Kariesrisiko. Auch die in Früchten enthaltenen Fruchtsäuren können den Zahnschmelz der Milchzähne angreifen. Es ist deshalb besser, Obst direkt nach den Mahlzeiten anzubieten, sodass der Zahnschmelz vor dem nächsten „Angriff“ Zeit hat, sich wieder mit Speichel zu schützen.

Wusstet ihr übrigens, dass kein Kind mit Kariesbakterien geboren wird? Karies ist ansteckend und wird immer von einem Erwachsenen auf das Kind übertragen.

Bei einer innigen und liebevollen Beziehung zum eigenen Kind ist dies überhaupt nicht zu
vermeiden. Dennoch am besten nicht mutwillig Schnuller und Löffel des Kindes ablecken und ihm dann wieder anbieten!

Bei Kindern kontrolliere ich immer sehr engmaschig! Das heißt Kontrolle alle 3 Monate, da sich im Milchgebiss sehr schnell Dinge verändern. Eine Milchzahnkaries die vielleicht beim letzten Termin noch nicht sichtbar war, schimmert dann dunkel aus dem Zwischenraum. Die Sichtkontrolle ist mir persönlich sehr wichtig, da man sich bei Kindern bis zu einem bestimmten Alter mit der Röntgendiagnostik noch zurückhält. Außerdem schaffen Termine, bei denen der kleine Patient sieht, dass er gar nichts zu befürchten hat, Vertrauen! Wenn alle Milchzähne da sind sollte zusätzlich der Biss kontrolliert werden, da Fehlstellungen auf die Lutschgewohnheiten des Kindes, sowie falsche Atmung (Mundatmung) hinweisen. Oftmals ist eine Frühbehandlung im Alter ab 5-6 Jahren durch einen Kieferorthopäden möglich und bei Verdacht auf Mundatmung sollte den Eltern ein Termin beim HNO-Arzt empfohlen werden.

Gerne könnt ihr den Zahnarztbesuch mit euren Minis zu Hause schon üben, damit die Kleinen lernen, dass es überhaupt nicht schlimm ist, wenn ihnen jemand in den Mund schaut.

Damals im Studium haben wir Zahnmedizinstudenten auch Kindergärten besucht und dort den Kleinen mit der Taschenlampe in den Mund geschaut und verschiedene Spiele zum Thema Zahngesundheit mit ihnen gemacht. Besonders hilfreich war es z.B. Holzlebensmittel durch die Kinder sortieren zu lassen, um auf versteckten Zucker hinzuweisen (z.B. In Ketchup).
Verlasst euch aber bitte nicht darauf, dass der Zahnarztbesuch in Kindergarten und Schule das Aufsuchen einer Zahnarztpraxis ersetzt! Nach allem, was ich erläutert habe, sollte klar sein, dass für eine solch ausführliche Diagnostik in Schule und Kindergarten keine Zeit ist. Falls dort eine Karies entdeckt wird, ist es leider oftmals schon zu spät. Auch erlebe ich es oft, dass ein verängstigtes Kind mit dem Mund voller Karies auf meinem Stuhl sitzt und die Mutter sagt „Er/sie hat aber keine Schmerzen.“ oder „Es sind ja zum Glück nur die Milchzähne.“. Ganz klar, NEIN! Es sind nicht „nur“ Milchzähne. Milchzähne haben eine wichtige Platzhaltefunktion für die bleibenden Zähne und tief zerstörte Milchzähne können den Zahnkeim des bleibenden Zahnes im Knochen schädigen! Ein vorzeitiger Milchzahnverlust sollte auf jeden Fall vermieden werden.

Über Kariestherapie und wie eine gute Kinderbehandlung mit Bohrer oder Zange durchgeführt werden sollte, die Versorgung der Lücken im Milchgebiss und die Prophylaxe bei älteren Kindern möchte ich heute gar nicht sprechen – das würde einfach den Rahmen sprengen, aber ich hoffe, er hilft viele, viele Milchzähne zu erhalten, bis sie eines Tages von ganz alleine Wackelzähne werden! J

Alles Liebe, eure Jacky

3 Comments

  1. So eine tolle Aufklärung hätte ich damals gerne gehabt. Danke für deine Arukel.liebe Jacky. Lg leas_mama_30

  2. Super toller Beitrag, sehr informativ und toll geschrieben 🙂 Find ich echt klasse, dass ihr Zwei euch da zusammengetan habt!

  3. Vielen Dank für die wertvollen Tipps und Informationen! Dass die Bakterien übertragen werden, ist anscheinend sehr wenigen Erwachsenen bewusst. Da wird doch gern der Löffel abgeleckt usw… Ich werde das bei meinem Kind nicht machen. (-;
    Danke! und liebe Grüße von Caro

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